Hauke Gründer


Auf den ersten Blick erscheint Hauke Gründer als ein großgewachsener, guterzogener Nordhesse, der sein Zuhause im Ihringshäuser "Haus mit Herz" gefunden hat. Dort verwandelt der Naturfreund sein großes Wohnzimmer durch liebevolle Vermehrung seiner über hundert Topfpflanzen in einen idyllischen Urwald.

 

Auch seine Werkstatt stattet er fleißig aus, da er lieber selbst baut und repariert als nur zu konsumieren. Dem Erfahrungsjunkie sind neue Erlebnisse weitaus wichtiger als der  Besitz von Dingen.

 

Seine einzige Schwachstelle sind nostalgische Schallplattenspieler und Audiosysteme, bei denen sein großes Herz sofort ein paar Takte schneller schlägt. Musik braucht Hauke neben  viel Zeit in der freien Natur wie die Luft zum Atmen.

 

Wer in den Genuss kommt ihn persönlich kennenzulernen, der merkt, dass ihm der Schalk im Nacken sitzt. Wie bunt und vielfältig es in ihm aussieht, hört man in seinen Slamtexten. Seit 2014 genießt Hauke das Bühnenlicht bei seinen gelegentlichen Auftritten. Poetry Slam ist sein Ventil zur Gesellschaftskritik. Mit Worten seziert er schnell und klug Gesellschaftsstrukturen und gibt Einblicke in seine subjektive Lebensperspektive als Mensch mit einer bipolaren Persönlichkeit. Nebenbei engagiert er sich hin und wieder in verschiedenen Kasseler Vereinen zur Jugendkultur wie den Kopiloten, dem 1. Kasseler Skateboardverein ("Mr. Wilson"), Cluster e.V. und dem Klang Keller e.V.

 

 

Das Nilpferd in der Achterbahn

Ich bin nicht ganz richtig im Kopf. Und seit ich das weiß, geht es mir richtig gut. Als ich es noch nicht wusste, war ich echt am Sack. Da ist dieses Gefühl, das ich bald gut kannte: Die ganze Welt reduziert sich auf diese kleine, bittere Kugel tief im Bauch. Freude, Hoffnung, Lebenslust sind unauffindbar. Kaum die Erinnerung daran bleibt. Ich bin unfähig, mich darin einzufühlen wie das war vor einer Woche, als alles lief, als eine Verzweiflung wie diese unvorstellbar war. Ich weiß, das es mir nicht immer so ging, ich weiß aber auch, dass die Freude aus meinem Leben verschwunden ist. Und genau dieses Gefühl ist es. Ich weiß nicht, und wenn mein Leben daran hinge, wie ich den alten Zustand wieder herbeiführen könnte.

Ich bin Spielball. Ich weiß sofort, dass die Kugel wieder die schiefe Ebene hinabrollt. Ich wache morgens auf und weiß: Es geht wieder los. Ich erkenne das Gefühl, ich weiß, was es bedeutet und ich weiß, dass es nicht in meiner Macht liegt, den Verlauf der Kurve zu ändern.

Die Tage halte ich gerade noch aus, meine Mitmenschen nicht. Wer am Boden liegt, wird getreten. Wer Schwäche zeigt, wird überrannt. Und ich lag in Schockstarre. Wenn ich nichts tue, kann niemand mein Tun gegen mich verwenden. Dachte ich. Ist aber nicht so. Angst war Teil meines Lebens. Angst, das Haus zu verlassen. Angst vor anderen Menschen. Und wenn der Tag überstanden ist, kommt die Nacht. Die Angst vor der Angst. Die Angst davor, allein zu sein mit den karzinogenen Gedanken, die wachsen und wuchern, eine Autoimmunerkrankung der Seele, die sich gegen sich selbst wendet und mich dabei von Innen zerfleischt. Schlaflosigkeit bei totaler Erschöpfung ist die schlimmste Tortur, die ich je erlebt habe. Nacht um Nacht ausgesetzt dem Horrorfilm im Kopfkino. Keine Ruhe, keine Chance, Kraft zu schöpfen.

Und dann mit einem Schlag: Die Kehrtwende. Himmelhoch jauchzend und ich weiß nicht, warum. Ich habe wohl den Tiefpunkt überschritten, den Wendepunkt erreicht. So steil die Parabel fiel, steigt sie jetzt. Rasende Gedanken, wo sich vorher jeder Impuls wie durch kaltes Maschinenöl durch meine Synapsen quälte. Tausend Ideen, wo es nur Stillstand gab. Sprühender Witz, schlagfertiger Humor, reine Lebensfreude.

Und wieder weiß ich nicht, warum. Weiß nicht, wie es dazu kam, was dazu führte. Und wieder entzieht es sich meiner Kontrolle. Wieder kann ich mich nur daran erinnern, nicht aber nachvollziehen, wie es mir vor einer Woche ging. Rational weiß ich, dass ich vor kurzem noch am Boden lag. Das Wissen ist da, das Gefühl jedoch ist im Hier und Jetzt. Ich bin unfähig, mich darin einzufühlen wie das war vor einer Woche.

Es ist mir auch egal. Ich habe Freunde, tanze auf jeder Party, erledige alles im Vorbeirennen. Ich feiere die Nächte durch, Schlaf brauche ich kaum. Das Leben ist alles, was ich mir je wünschen könnte. Meine Möglichkeiten sind endlos, mein Selbstvertrauen riesig. Ich fliege dahin im Rausch der endogenen Endorphine. Und als die Rakete abhebt, verliere ich den Boden unter den Füßen. Ich kann die Pferde, die ich antrieb, als sie ohnehin schon durchgingen, nicht mehr einfangen. Ein Gedanke jagt den anderen, eine Idee vertreibt die vorherige. Assoziatives Störfeuer, ein Blitzlichtgewitter in den Nervenbahnen. Ich bin selbstherrlich, arrogant, unbesiegbar. Ich habe für jedes Problem eine Lösung, lege den Finger in jede Wunde. Mit ätzender Kritik übergieße ich die Konflikte meiner Freunde und die der restlichen Welt. Mein Plan für den Weltfrieden ist spektakulär und wasserdicht. Aber mich fragt ja niemand.

Nein, mich fragt schon lange niemand mehr. Intuitiv verteile ich meine überbordende, alle Grenzen überschreitende Herrlichkeit geschickt –dachte ich– auf möglichst viele meiner Zeitgenossen. Meine Genialität vertragen meine  -für mich– schneckenlangsam denkenden Freunde nur in kleinen Dosen. Das Wort „Laberflash“ vermittelt nur eine sehr vage Vorstellung meiner wortgewandten Großartigkeit.  Nach einer weiteren durchfeierten Nacht legt mir ein Freund nahe: Hauke, wie wäre es denn, wenn du nicht jeden Gedanken sofort aussprichst? Jeden? - denke ich, schon während er das sagt – ich spreche doch nur jeden zehnten aus. Pfft... Anfänger!

Irgendwann war ich dann 84 Stunden am Stück wach. Kennt ihr die Check-In-Szene in Fear and Loathing in Las Vegas? Wenn der Boden die Wände hochwabert? So sahen für mich 84 Stunden ohne Schlaf aus. Ein geiler Trip.

Und plötzlich ist alles vorbei. Ich weiß sofort, dass die Kugel wieder die schiefe Ebene hinabrollt. Und wieder bin ich Spielball. Ich könnte jetzt weiter vorn in meinem Text wieder einsteigen und die Schleife drei-, viermal durchlaufen. Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Höhenflug und Absturz. Auf- und Untergang. Das wäre dann ein kleiner Eindruck meiner damaligen Welt. Die Sinuskurve meines Lebens.

Nach vielen Jahren in dieser Mühle sagte mir jemand vom Fach, dass ich manisch-depressiv sei. Eine bipolare Störung. So also heißt meine Achterbahnfahrt zwischen den Polen.

Seitdem geht es mir besser. Ich habe viel über mich gelernt und weiß, wann sich ein Wechsel ankündigt. Weiß, dass jede Phase vorübergeht. Ich weiß, wann ich besser bremse und wann ich für ein, zwei Wochen den Stillstand verwalte. Ich habe keine Angst mehr vor Ruhepausen. So schnell dreht sich die Welt auch wieder nicht, dass meine Angelegenheiten nicht mal 14 Tage warten könnten. Die Sinuskurve ist flacher, ich bin ausgeglichener.

Vor die Wahl gestellt, ob ich mein Leben ändern wollte, ich würde dankend ablehnen. Wenn ich zu den sogenannten „geistig Gesunden“ gehörte, hätte ich auch so meine Probleme im Leben gehabt. Die hätten dann vielleicht darin bestanden, dass mein Nachbar seinen Rasen nicht mäht und die Löwenzahnsamen auf mein rechtwinklig geharktes Gemüsebeet wehen. Oder welche Kardeshian das neueste Sextape platziert hat. Da das dann meine schlimmsten Sorgen wären, hätte ich nichts, zu dem ich sie ins Verhältnis setzen könnte. Und wenn ich die Wahl habe, verzweifele ich viel lieber an einer bipolaren Störung als an den Kardeshians.


Vielen Dank, gute Nacht!

schalk